Ermüdungsbruch/Achillessehne
Der Körper ist ein Optimierungskünstler

Ein Ermüdungsbruch oder eine Entzündung der Achillessehne müssen nicht sein. Mit einem optimalen Belastungsaufbau verstärkt unser Körper Knochen und Sehnen. Die Einschätzung der aktuellen Belastbarkeit ist allerdings tückisch und eine übermässige Belastungssteigerung kann rasch eine Stressfraktur zu Folge haben.

Krankenvisite 06 Uhr 15. Rekrut Habegger humpelt herein. Gestern hat der zweite Marsch der Rekrutenschule stattgefunden, gerade mal 15km mit 12kg Gepäck und jetzt das: Habegger kann nicht mehr auf den rechten Fuss stehen, der Mittelfuss schmerzt massiv. Die Diagnose ist klar: Ermüdungsbruch – und das bei einem zwar nicht sehr sportlichen, aber normalgewichtigen und gesunden jungen Mann von zwanzig Jahren!

Die Marschfraktur am Anfang der RS ist das Paradebeispiel dafür, wie unser Körper bezüglich Belastbarkeitsanpassung funktioniert. Kurzfristige Belastungssteigerungen verkraften wir nur in einem relativ schmalen Bereich. Unser Körper ist ein Optimierungskünstler: Materialstärke und Feinstruktur der Knochen werden laufend dem aktuellen Bedarf angepasst, kaum ein Knochenbälkchen zuviel, keine Produktion auf Vorrat. Was längere Zeit nicht gebraucht wird, wird umgehend wieder abgebaut.

Eindrücklich ist dabei, dass der Knochen als Inbegriff eines stabilen Baumaterials bei unspektakulären Überlastungen in seinen kleinsten Bausteinen, eben den Knochenbälkchen, brechen kann. Äusserlich bleibt alles stabil, die mikroskopischen Brüche schmerzen aber bei geringsten Belastungen. Für die Patienten ist das jeweils kaum zu glauben. Das Staunen ist ähnlich gross, wie wenn wir ein Bild betrachten mit mächtigen Bäumen, die von einem Windstoss umgelegt wurden, als wären es Zündhölzer. Zum Glück heilen Ermüdungsbrüche problemlos, vorausgesetzt, wir gewähren ihnen die nötigen sechs Wochen Heilungszeit. Aber für moderne Menschen ist das natürlich eine halbe Ewigkeit!

Ganz ähnlich sind die Verhältnisse bei den anderen Stützgeweben unseres Bewegungsapparates. Auch die Ansätze der Sehne am Knochen, die Sehne in ihrer Zug- und Knickbelastbarkeit, Bänder und Knorpelflächen durchlaufen ständig Anpassungsprozesse. Wir sind immer für diejenigen Belastungen gut vorbereitet, denen der Körper in einer gut abgestimmten Dosis über längere Zeit ausgesetzt war. Unsere Belastbarkeit genauer abzuschätzen ist jedoch gar nicht so einfach. Nehmen wir das Beispiel Joggen: Hier orientieren wir uns am ehesten an Laufdistanz, Trainingsdauer und vielleicht noch Häufigkeit pro Woche. Genauso wichtig sind aber Tempo, Bodenbeschaffenheit und Geländeform, der Bewegungsablauf und die Schuheigenschaften. Da geht es um multifaktorielle Zusammenhänge, und der Umgang mit diesem Zusammenwirken mehrerer Faktoren wird zur Herausforderung. Die Einflussfaktoren werden in ihrer Summe häufig unterschätzt und die unübersichtlichen Zusammenhänge laden ein, stille Zweifel und missliebige Reaktionen des Köpers versuchsweise zu überhören und zu verdrängen. Zudem hat es in unserem Zeitplan, der oft von ehrgeizigen Trainingszielen oder von (Marathon-)Terminen diktiert wird, kaum Raum für die nötigen Anpassungsprozesse.

Auch saisonale Veränderungen können sich ganz direkt auf die Beanspruchung des Körpers auswirken. Kommt Anfang Winter eine Läuferin mit einer neu aufgetretenen Achillessehnentzündung in die Sprechstunde, dann beruht diese höchstwahrscheinlich auf den veränderten Rahmenbedingungen wegen der tiefen Aussentemperaturen: Kalte Schuhsohlen dämpfen wesentlich schlechter, hart gefrorene Böden führen zu einem deutlich härteren Aufprall, Eis und Schneematsch verändern die Bewegungsabläufe und unterkühlte oberflächliche Sehnen reagieren generell empfindlicher. Dazu kommt noch, dass kühle Muskeln träger reagieren und damit die Schläge beim Auftreten schlechter dämpfen können. Selbst wenn alle anderen Faktoren unverändert blieben, wäre die Beanspruchung jetzt klar anders als im Herbst. Wenn sich die erwähnte Läuferin nun statt der üblichen drei Einheiten pro Woche nur noch einmal pro Woche überwinden kann, in die Kälte hinauszugehen, und dort dafür das doppelte Pensum absolviert, dann ist ihr Achillessehnenproblem praktisch absehbar.
So gesehen ist es ein Glück, dass die Mehrheit der Jogginggemeinde im tiefen Winter lieber auf ein gemütliches Zusammensein im Wohnzimmer oder im Fitnessstudio setzt: Sehnen, Kochen, Bänder und die Krankenkasse wissen es zu danken.

Schreiben Sie einen Kommentar