Laufsport/Marathon/Überlastungsfolgen
Die Klippe der Selbsteinschätzung

Weil das Laufen eines Marathon zur Selbstverständlichkeit geworden ist, sinkt der Respekt vor langen Laufdistanzen. Vergessen wird dabei, dass in ermüdetem Zustand die Belastung von Gelenken und Sehnen stark ansteigt. Endorphine überdecken zudem die Schmerzen, so dass der Läufer zu spät merkt, was er sich angetan hat.


Lassen Sie mich doch gleich eine kleine Umfrage machen: Wie viele Marathon-Finisher kennen Sie persönlich? Und wie viele waren es vor 10 Jahren? Auch wenn diese Erhebung methodische Lücken hat, dürfte sie unschwer meine Hypothese bestätigen, dass es von modernen, zum letzten Einsatz bereiten «Meldeläufer»-Nachfahren nur so wimmelt. Haben Sie sich schon einmal überlegt, was dieser Langstreckenläufer-Boom bedeutet, zum Beispiel für die Einschätzungen von Laufdistanzen im durchschnittlichen Läuferhirn? «Wenn der Fritz, der Franz und das Fränzi schon mehr oder weniger locker 42,195 Kilometer laufen, dann kann doch die simple Steigerung meines Pensums von 10 auf 20 Kilometer, die ich mir für das kommende Wochenende vorgenommen habe, nicht ein Problem sein?!», sagt der Gelegenheitsläufer. Und der Laufnovize, der sich eben das neueste Laufschuhmodell an die Füsse gebunden hat, wählt als Einstiegsdistanz gleich mal 10 Kilometer – ist doch echt bescheiden! Verglichen mit den dreistündigen Longjoggs seiner laufverrückten Freundin.

Inflationäre Distanzwahl könnte man das nennen. Vor zehn Jahren war eine Stunde Joggen am Stück für manchen noch ein Ziel, heute kann es passieren, dass dieses Pensum allen Ernstes als Einstiegdosis gewählt wird – so, als hätte das allgemeine Marathonfieber schon entwicklungsgeschichtliche Spuren in unseren Genen hinterlassen.
Wenn dieser Übermut direkt zur Arztkonsultation führt, erkläre ich jeweils mit dem Bild der Fliessbandarbeit, was da falsch gelaufen ist. So toll der Laufsport auch sein mag, belastungsanalytisch gesehen ist er direkt mit der Beanspruchung am Fliessband zu vergleichen: immergleiche Zyklen (von Aufprall und Abrollen) folgen aufeinander, und damit werden Gelenkknorpel, Bänder und Muskeln immer wieder praktisch identisch belastet. Kleine Unebenheiten sind so gesehen schon willkommene Abwechslungen. Das ist an sich noch kein Problem, solange unser Körper Zeit hat, sich an die monotonen Belastungen anzupassen, also quasi zum bewährten «Fliessbandarbeiter» zu werden. Neben der Distanz spielt allerdings auch die Geschwindigkeit eine Rolle. Um im Bild zu bleiben: Wenn das Fliessband schneller läuft, steigt automatisch auch die Belastung für den Körper.
Nun könnte man ja denken: «Alles halb so schlimm! Ich merke es ja dann während des Laufens, ob das passt.» Doch dummerweise profitieren wir im Sport meistens vom hocheffizienten Funktionsmodus, der den Körper beim «Überleben um jeden Preis» unterstützt. Bagatellen wie beginnende Reizzustände an Sehnen oder Gelenken werden ausgeblendet und dem prioritären Ziel, dem Weiterrennen, untergeordnet. Am anderen Morgen geht dann der Katzenjammer los: Bei den ersten Schritten vom Bett ins Badezimmer reklamiert die Achillessehne, oder die Knie müssen zu jedem Schritt auf der Treppe einzeln überredet werden.
Weil der Körper uns während der Belastung nur ein lückenhaftes Feedback zu den Beanspruchungsgrenzen gibt, bleibt uns nichts anderes übrig, als uns auf Grund bisheriger Erfahrungen ein möglichst präzises Bild von dem zu machen, was eine sinnvolle Belastung für uns sein kann. Dieser Planung ist anspruchsvoller, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Allzu schnell wird der Wunsch zum Vater des Gedankens, und wir überschätzen uns. Dann gibt es aber auch elementare Fehlannahmen. Auf den ersten Blick könnte man meinen, die Beanspruchung unseres Körpers beim Laufen nehme linear mit der Länge der Laufdistanz zu. Wer so denkt, macht die Rechnung ohne die Ermüdung. Je müder unsere Muskeln bei Belastungen werden, umso schlechter steuern und dämpfen sie die Bewegungsabläufe und umso steiler steigt die Beanspruchungskurve an. Das heisst zum Beispiel, dass bei einem wenig Trainierten die Verdoppelung von den gewohnten 30 Minuten auf eine Stunde zu einer Verdreifachung der Beanspruchung führen kann – mindestens.
Am allerschwierigsten ist aber die konsequente Umsetzung unseres vernünftigen Trainingsplans: Manchmal läuft es sich eben so rund! Die Beine sind angenehm leicht, der Geist hat sich durch die Monotonie der Bewegung eben etwas einlullen lassen, – und schon sind wir auf die grosse Zusatzschlaufe eingeschwenkt. Nur eine kleine Zugabe! Weil es gerade so schön ist! Wenn das nur gut endet.

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