Schwimmen/Aquafit
Im Wasser wird fast alles besser

Schwimmen und Aquafitness sind gute Formen der Sporttherapie um nach Verletzungen möglichst früh wieder ein Training aufzunehmen. Statt dem meistens empfohlenen Rückencrawl kann es aber unter Beachtung von ein paar elementaren Regeln genauso gut Brustschwimmen oder Crawl sein.


„Muss ich nun schwimmen gehen?“ fragt in der Sprechstunde der frisch verletzte Fussballer ängstlich, nachdem auch er verstanden hat, dass in den nächsten Wochen nichts mit Fussball ist. Das wäre tatsächlich häufig der passende Schritt, wenn doch nur das Wasser weniger nass und das Schwimmen weniger eintönig wäre. Da ist Motivationsarbeit gefragt. Im Sommer geht das ja noch, da laden See und Sonne zum Bade. Ins Hallenbad dagegen gehen neben den Eltern von kleineren Kindern sonst nur passionierte Schwimmer. Diese haben irgendwann den diskreten Charme der „monotonen“ Bewegung im Wasser für sich entdeckt. Alle anderen bleiben lieber auf dem Trockenen, bestärkt durch heraufbeschworene Bedenken zur Hygiene und zu Erkältungsrisiken rund um den Schwimmbadbesuch.

Zurück zu unserem verletzten Fussballer. Weil die Atemluft und unser Unterhautfett für Auftrieb sorgen, ist ein Training im Wasser tatsächlich auch mit einem lädierten Gelenk oder einem schmerzenden Rücken fast immer möglich. Dabei muss es keinesfalls immer Rückcrawl sein; diese Technik gilt nur deshalb als besonders gesund, weil sie auch bei miserabler Durchführung unproblematisch bleibt. Mindestens so sinnvoll sind aber Crawl oder Brustschwimmen, solange ein paar potentiell heikle Punkte beachtet werden: Die Schildkrötenstellung des Halses beim Brustschwimmen ist nur für die Frisur von Vorteil, für die Halswirbelsäule jedoch sehr ungünstig. Ausatmen unter Wasser ist hier gefragt. Die durchgestreckte Stellung der Lendenwirbelsäule kann für Rückpatienten, die bei längerem Stehen Probleme haben, unvorteilhaft sein. Die Schlenkerbewegung mit den Unterschenkeln beim Brustschwimmen belastet die Kniescheibe und die Menisken stärker als man gemeinhin meint, vor allem bei besonders impulsiver Durchführung.

Crawl ist dank dem besonders günstigen Verhältnis zwischen Rehabilitationspotential und Bewegungsspass mein Favorit. Der Bewegungsablauf und der Abgleich mit der Atmung sind zwar nicht leicht zu erlernen, bieten aber ein sehr dynamisches und lässiges Bewegungsgefühl, wenn man es einmal kann. Im Laufe der Jahre haben viele meiner Patienten mit ein paar Einzelstunden Crawlunterricht sich diesen Sport zuerst als Ersatztraining erschlossen und dann häufig als Zweit- oder Drittsport beibehalten. Einen Tipp habe ich allen auf den Weg gegeben: Es gibt kein Gesetz, das verbietet, dass man am Anfang nur einige Meter statt der obligaten Schwimmbadlänge crawlt. Kurze Crawlstrecken im Wechsel mit anderen Techniken ersparen dem Anfänger das zunehmende Luftschnappen und erhalten den Spass. Das Training der Beine und indirekt auch der Rumpfmuskulatur kann mit dem zeitweisen Einsatz von kurzen Flossen ganz gezielt intensiviert werden. Der Anfänger nützt diesen „Turbo“ für den sonst noch ungenügenden Vortrieb und die horizontale Wasserlage fällt damit auch mit fettarmen Beinen leichter.

Vor zwanzig Jahren hatte der Amerikaner Glen McWaters – nomen est omen – eine andere Idee gehabt, um den Auftrieb im Wasser für das Ersatztraining zu nutzen: Jogging im Wasser schwebend und ohne Bodenkontakt, dank dem dosierten Auftrieb einer Schaumstoffweste. Als gehverwandte Trainingsform für die Rehabilitation und als Ersatz- oder Regenerationstraining für intensiv trainierende Laufsportler war Wasserjogging eine geniale neue Möglichkeit. In den Anfängen war „Tiefwasser-Laufen“ allerdings nur etwas für Leute mit einer soliden Zivilcourage: Wer mit der Wasserweste tapfer wie im Zeitlupentempo durch das Schwimmbecken joggte, war sich der lebhaften Aufmerksamkeit aller Anwesenden sicher. Das hat sich inzwischen geändert. Erweitert um einen Wassergymnastikteil wurde Wasserjogging unter dem Namen Aquafit populär und salonfähig.

Die fehlende Gewichtseinwirkung auf die Beine ist beim Schwimmen und Wasserjogging in der frühen Phase der Rehabilitation ein Vorteil; später geht es aber genau darum, die Beine wieder auf die Belastungsabläufe beim Laufen vorzubereiten und die koordinativen Fähigkeiten zu trainieren. Ein fester und trockener Boden unter den Füssen ist dann wieder gefragt – auf diesen Moment freut sich unser Fussballer schon jetzt.

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