Einlagen/Laufschuhe
Zu perfekt um gut zu sein

Die wenigsten Knick-, Senk-, Spreiz- oder Plattfüsse brauchen orthopädische Schuheinlagen. Beschwerden beruhen weit häufiger auf einer plötzlichen Belastungsänderung als auf der Formabweichung gegenüber der Norm. Zwei Paare leicht verschiedener Laufschuhe sind immer besser als ein noch so perfekter Schuh.


Die wenigsten Füsse entsprechen dem idealen Normalfuss. Was braucht es nun, damit all die unvollkommenen Füsse den Sportalltag dennoch klaglos bewältigen können?
Beim Betrachten eines Plattfusses scheint alles klar. Der Ingenieurblick diagnostiziert eine insuffiziente Statik: Eine Brücke die so schief in der Landschaft steht wie ein Plattfuss kann nicht anders als kollabieren. Um Schlimmeres zu verhindern, muss folgerichtig dieser Fuss mit einer Masseinlage möglichst nahe an eine ideale Statik herangeführt werden. Aus diesem Blickwinkel ist klar, dass die Einlagen dann langfristig getragen werden müssen, gerade wenn Beschwerden damit erfolgreich behandelt wurden.

Andererseits: Wer Läufer in der freien Wildbahn beobachtet, trifft immer wieder auf absolut schreckliche Bilder. Da läuft einer doch praktisch neben den Schuhen und dennoch joggt er siebzig Kilometer die Woche, vergnügt und schmerzfrei, seit Jahren. Wie kann das möglich sein? Die Anspassungsfähigkeit unserer Knochen, Sehnen und Muskulatur ist offenbar grösser, als man denkt – vorausgesetzt man hat Geduld. Mit Bestimmtheit hat dieser Läufer seinen Füssen Zeit gelassen, damit sie sich trotz der suboptimalen statischen Voraussetzungen auf die hohen Joggingbelastungen einstellen konnten. Perfekt ist zwar nicht die Form, dafür aber die Anpassung. Trainierte Sehnen und Knochen stecken auch hohe Belastungen locker weg und die Muskulatur garantiert eine gute Gelenkkontrolle bis zur Ziellinie.

Zu solchen Beobachtungen passen auch die Erkenntnisse von verschiedenen wissenschaftlichen Studien. Interessiert hat die Forscher unter anderem, ob der Fusstyp einen Einfluss hat auf das Auftreten von Überlastungsproblemen bei Rekruten während des zwölfwöchigen intensiven Trainings am Anfang der Soldatenausbildung. Resultat: Weder nordamerikanische noch australische Knick-, Senk-, Platt oder Hohlfüsse waren nachweislich benachteiligt gegenüber den normalen Füssen. In einer Studie war der Plattfuss sogar der am wenigsten anfällige Fusstyp überhaupt. Das ist doch Balsam für das maltraitierte Selbstbewusstsein armer Plattfussgänger.

Den offenbar komplexen Zusammenhängen wird wohl am ehesten gerecht, wer die Abweichungen von der Fussnorm als gleichberechtigte Spielformen der Natur betrachtet, statt als krankhafte Veränderungen. Die Wirkung der Einlagenversorgung andererseits kann man dann ganz nüchtern als Veränderung der Krafteinwirkung am Fuss verstehen. Ist zum Beispiel die Achillessehne überlastungsbedingt entzündet, hat der Körper dank der Einlage die Möglichkeit, die irritierenden Bewegungsmuster zu verlassen und so die überlasteten Sehnenanteile zu entlasten. Ist die Achillessehen dann wieder ruhig, spricht nichts dagegen, das Tragen der Einlagen langsam zu reduzieren und sie schliesslich ganz wegzulassen. Selbstverständlich kann es an den Extremen, das heisst bei massiven Formabweichungen oder für besonders intensive Beanspruchung sinnvoll sein, die Einlagen auch mittel- und langfristig beizubehalten.

Die Frage nach dem Mass der Perfektion stellt sich auch bei der Laufschuhversorgung. Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass der perfekt abgestimmte Schuh, möglichst noch mit einer individuellen Einlage, das Ideal darstellt. Erinnern wir uns aber an die wichtige Rolle der Anpassungsvorgänge an unseren Sehnen, Bändern und Muskeln, drängen sich andere Überlegungen auf: Je mehr Abwechslung wir unseren Füssen und Beinen bieten, umso verschiedener können die Belastungen sein, denen wir unseren Körper problemlos aussetzen können. So gesehen macht es Sinn, bei mehr als zwei Lauftrainings pro Woche zwei verschiedene Schuhe einzusetzen. Der wichtigste Anspruch an die Schuhe ist dabei, dass sie Eigenheiten unserer Füsse nicht noch verstärken, dass zum Beispiel eine ausgeprägte Pronation, das heisst ein Einwärtskippen nach dem Auftreten, nicht bei jedem Schritt noch zusätzlich betont wird.
Genauso wichtig wie die vernünftige Schuhauswahl ist dann aber die Anleitung zum angepassten Einsatz der neuen Schuhe: Jeder neue Schuh, so „ideal“ er auch sein mag, führt zu Veränderungen bei den Belastungsabläufen. Der Körper braucht also Zeit zur Anpassung und deshalb sind am Anfang kürzere und weniger intensive Belastungen als üblich gefragt – trotz der Begeisterung für die neuen Schuhe an den Füssen.

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