Herztod / Leistungssport
Das latent gestörte Sportidyll

Der plötzliche Herztod ist etwas seltenes, im Leistungssport ist das Risiko aber erhöht. Präventive Untersuchungen sind sinnvoll, aber bei weitem keine Garantie. Besonders hoch wird das Risiko bei Überforderung und zusätzlichem emotionalem Stress.


Der plötzliche Herztod schwebt wie das Damoklesschwert über der schönen und doch so gesunden Welt des Sports. Ein Glück, dass plötzliche kardiale Todesfälle bei Sportler extrem selten sind, so müssen wir uns in der Regel die Freude am Sport dadurch nicht verderben lassen. Wenn ein tragischer Zwischenfall dennoch eintritt, ist die Irritation verständlicherweise überall sehr gross, trifft es doch häufig trainierte junge Menschen, in der Blüte ihres Lebens und bei einer gesunden Tätigkeit. Das gleiche Schicksal kann einen jungen Menschen zwar auch im Schlaf oder beim Chatten treffen. Nur ist das Risiko bei intensiver sportlicher Aktivität vier- bis fünfmal grösser. Auf 200’000 Leistungssportler ist pro Jahr mit ein bis zwei Todesfällen zu rechnen. Das ist statisch gesehen sehr selten, im Einzelfall deswegen aber nicht weniger tragisch.

Weil die Vorkommnisse selten sind, ist die wissenschaftliche Untersuchung schwierig und der Aufwand, einzelne Risikopersonen zu finden, sehr gross. Sicher ist Sport bei einer grippalen Viruserkrankung riskant: eine versteckte Begleitentzündung des Herzmuskels kann fatale Folgen haben. In den meisten anderen Fällen bestehen Herzwandverdickungen oder Störungen der elektrischen Reizübertragung und die intensive körperliche Belastung ist nur der zündende Funke, der die Katastrophe auslöst. Aber auch mit umfangreichen Abklärungen fällt der Entscheid meist schwer, ob im Einzelfall ein Sportverbot angebracht ist oder nicht. Das lässt sich an einem berühmten Beispiel aus dem Basketball zeigen.
1993 erlebte der Superstar Reggie Lewis während einem Match einen Schwächeanfall, er kollabierte kurz und stand nach einer Minute wieder auf. Er wurde von einem Team von Kardiologen untersucht und erhielt die Empfehlung, nie mehr einen Basketballmatch zu spielen. Der Druck von Familie und Team war gross und es folgten zwei weitere Abklärungen. Die zweite Kardiologengruppe erlaubte dem Spieler unter Medikamenten wieder zu spielen und auch ein drittes Untersuchungsteam mochte sich nicht abschliessend auf ein Spielverbot festzulegen. Reggie Lewis spielte schliesslich weiter und verstarb nach ein paar Wochen im Basketballstadion. Ein maximaler medizinischer Aufwand hatte nicht zu einem für alle Beteiligten überzeugenden, einheitlichen Resultat geführt.

Unbestritten ist, dass Sportler mit einer familiären Vorgeschichte für plötzliche kardiale Todesfälle oder mit Symptomen wie Herzrasen, unklarer Atemnot oder kollapsähnlichen Ereignissen grosszügig abgeklärt werden müssen. Zudem gibt es etablierte Empfehlungen für präventive Untersuchungen. Da der Effekt fraglich und der Aufwand gross ist, werden sie nur lückenhaft umgesetzt, am ehesten noch für Eliteathleten. Einen radikalen Weg hat Italien gewählt. Auf der Basis einer Gesetzesregelung werden seit 1982 alle angehenden Wettkampfsportler ärztlich untersucht. Durch das Programm konnte offenbar die Häufigkeit von herzbedingten tödlichen Ereignissen beim Sport um drei Viertel auf das Niveau der nicht sporttreibenden Vergleichsgruppe reduziert werden. Das war nur möglich mit einer strikten Regelung, mit einem relevanten Aufwand und durch ein relativ grosszügig ausgesprochenes Sportverbot: zwei Prozent der Untersuchten mussten sich vom Leistungssport verabschieden, das ist verglichen mit anderen Untersuchungen ein hoher Prozentsatz. Denkbar ist, dass hier die im Gesetz festgeschriebene strafrechtliche Verantwortung für die untersuchenden Ärzte ihre Spuren hinterlassen hat: im Falle von fatalen Ereignissen wegen verpassten Befunden können sie belangt werden.

Die intensive körperliche Belastung ist nicht der einzige bekannte Risikofaktor für überraschende kardiale Todesfälle im Umfeld des Sportes. Bei der Fussball-WM wurde eine deutliche Häufung von plötzlichen tödlichen Herzzwischenfällen bei Zuschauern registriert. Belastende Emotionen können das Herz gefährden und das Leiden mit der eigenen Mannschaft kennt offenbar keine Grenzen. Auf diesem Hintergrund ist anzunehmen, dass im Falle von unklaren Todesfällen bei Sportlern auch emotionale Faktoren zusätzlich zur reinen körperlichen Belastung eine Rolle spielen. Wer sich nicht nur körperlich sondern auch emotional an seinen Grenzen bewegt, lebt doppelt gefährlich. Wer sich auch noch dopt, erst recht.

Mehr lesen: , ,
Weitere Artikel zu den Themen "NZZ-Kolumnen" und "Training/Belastung" lesen.

Schreiben Sie einen Kommentar