Ergonomie für jeden Tag / Teil 1
Köpergerechtes Verhalten ist das ergonomische A und O

Ergonomie steht für körpergerechte Arbeitsabläufe. Neben der Einrichtung und der Organisation der Arbeit hat dabei unser Verhalten eine grosse Bedeutung. Ergonomische Überlegungen sind genauso hilfreich bei alltäglichen Tätigkeiten. In jedem Fall spielt unsere innere Aufmerksamkeit für ein ausgewogenes Verhalten eine ganz wichtige Rolle. Nur wenn wir wahrnehmen, was mit uns passiert, können wir auch frühzeitig ergonomisch sinnvoll reagieren.


Leben bedeutet aktiv sein und dafür sind wir bestens ausgerüstet. Unsere Muskeln und Sehnen, unsere Gelenke und unser Rücken werden durch Bewegung gefördert und der Stoffwechsel im Gewebe wird angeregt. So sind wir leistungsfähig und unser Körper ist im Gleichgewicht. Sind wir hingegen zum Nichtstun gezwungen, verlieren wir bald an Muskelkraft und die Sehnen werden anfälliger für Überlastungsreaktionen. Wer rastet, der rostet.

Ausgewogen aktiv sein

Unser Körper ist sehr belastbar, vorausgesetzt, unsere Körperhaltung und die Bewegungsabläufe ändern immer wieder. Für hundertfach wiederholte  Bewegungen und für unveränderte Stellungen sind uns hingegen engere Grenzen gesetzt. Zwarkönnen wir uns von kurzzeitigen Überlastungen wieder erholen, heikel wird es aber, wenn wir uns Tag für Tag und Woche für Woche über die bestehenden Grenzen hinwegsetzen. Schmerzen sind die Folge und langfristig können sich chronische Schäden an Sehnenansätzen, Muskeln und Wirbelsäule entwickeln.

Nicht jeder Mensch ist gleich belastbar. Die angeborene Konstitution und der individuelle Trainingszustand machen die Unterschiede aus. Von der eigenen Belastbarkeit hängt es ab, ob wir eine strenge Arbeit oder eine intensive sportliche Aktivität problemlos verdauen oder ob wir von unserem Körper die gelbe, mitunter sogar die rote Karte gezeigt erhalten.

Durch ein gezieltes Training können wir unsere Belastbarkeit in kleinen Schritten erhöhen. Mit jeder Tätigkeit, die wir regelmässig über einen längeren Zeitraum ausführen, werden Muskeln, Sehnen, Gelenkknorpel und Bandscheiben widerstandsfähiger.
Am besten geht es uns, wenn wir mit unserem Körper partnerschaftlich zusammenarbeiten. Das Ziel ist ein ausgewogenes Gleichgewicht zwischen unserem Tun und unserer Belastbarkeit. Das fällt uns leichter, wenn wir immer wieder für Abwechslung sorgen und wenn wir auf die Zeichen unseres Körpers achten.

Belastung wahrnehmen

Nur mit einer vielschichtigen Körperwahrnehmung können wir unsere Bewegungen gezielt steuern. Dank einer riesigen Zahl von Sensoren spüren wir zum Beispiel, welcher Anteil der Armmuskulatur gerade aktiv ist und welche Sehne unter Zug steht . Die gleichen Wahrnehmungskanäle helfen uns, die Belastungsintensität zu überwachen. Wir können wahrnehmen, ob sich unsere Nackenmuskulatur zunehmend verspannt oder ob sich um den Sehnenansatz am äusseren Ellbogen ein dumpfes Brennen breit macht. Sind wir ganz in unsere Arbeit vertieft, entgehen uns diese Informationen vielleicht. Wenn wir eine Pause machen, können wir sie aber spüren. Es gibt allerdings Menschen, die für Signale des Körpers gar nicht auf Empfang sind. Die Maschine soll einfach funktionieren, Rücksichtnahme ist ohnehin nicht vorgesehen. Das ist selten ein Erfolgsrezept.

Auch leichtere Beschwerden, die immer wieder auftreten oder über Stunden anhalten, verlangen nach einer Anpassung. Schwieriger ist der Umgang mit Beschwerden, die zwar regelmässig auftreten, aber ohne erkennbaren Zusammenhang mit einer bestimmten Tätigkeit. Es gibt Überlastungsreaktionen, die sich wie ein Bankkonto verhalten. Das Konto wird während längerer Zeit belastet, und ist einmal der entscheidende Kontenstand erreicht, haben wir plötzlich deutliche Schmerzen. Wir stehen vor einem Rätsel, da die Ursachen für die Schmerzen Stunden zurückliegen können. Nur mit Detektivarbeit lässt sich dann die eigentliche Ursache herausfinden.

Häufige Fallen

Was wir nicht gewohnt sind, kann uns überfordern. Eine neuer Arbeitsablauf verlangt wie eine neue Sportart einen dosierten Einstieg. Wenn wir das nicht berücksichtigen, leben wir gefährlich, vor allem wenn wir nicht mehr zwanzig sind. Die Belastungstoleranz für Ungewohntes nimmt mit den Jahren leider ab.
Ein langer Unterbruch – zum Beispiel die Sommerpause beim Skifahren – birgt die gleichen Gefahren. Aufmerksamkeit verlangt auch neues Material oder eine neue Einrichtung. Besonders gefährlich sind Sondereinsätze. Da gibt man sein Bestes, macht ungezählte Überstunden und zum Dank schmerzt der Nacken oder das Handgelenk. Ähnlich ist das Ergebnis, wenn wir ausser Acht lassen, dass Krankheiten und Uebermüdung unsere Leistungsfähigkeit herabsetzen.
Schützen können wir uns durch Aufmerksamkeit und Voraussicht. Neben regelmässigen Pausen bringt Abwechslung bezüglich Rhythmus und Intensität eine Entlastung. Wirksam sind Unterbrüche durch andersartige Tätigkeiten: stehen statt sitzen oder lesen statt tippen. Gelegentlich müssen dazu tief verankerte Prinzipien über Bord geworfen werden. Ist es wirklich schlimm, wenn die Wäsche in zwei Portionen gebügelt wird?

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2 Kommentare to “Ergonomie für jeden Tag / Teil 1
Köpergerechtes Verhalten ist das ergonomische A und O”

  1. Nele schrieb:

    Aufmerksamkeit und Ausgewogenheit bei Belastungen sind wichtig und richtig. Allerdings ist es Wunschdenken und entspricht nicht den realen Verhältnissen in der Arbeitswelt, regelmäßige Pausen einlegen zu können oder die Belastungen und Unterbrüche den persönlichen Bedürfnissen anpassen zu können.
    „Ein neuer Arbeitsablauf verlangt einen dosierten Einstieg“: das ist pure Theorie und in der realen Berufswelt nicht umsetzbar.

    Selbes gilt für die Einrichtung des Arbeitsplatzes, was schon bei Schreibtischhöhen oder Stühlen anfängt. Selbst wenn man eigenes Geld investieren wollte, um sich den Arbeitsplatz beim AG ergonomisch richtig einzurichten – es ist im Allgemeinen seitens der Arbeitgeber nicht erlaubt, eigene Büromöbel oder Hilfsmittel zu verwenden.
    So sieht die Realität aus. 8 oder 10 oder 12 Stunden am Tag, exkl. Dienstreisezeiten.
    Solcher Einsatz wird einfach erwartet, entweder, man kann ihn bringen oder nicht.

  2. creich schrieb:

    Guten Tag Herr Nele(?)
    Besten Dank für ihren Einwurf. Eigentlich weiss ich gerne, mit wem ich es zu tun habe, wenn ich im Blog eine Antwort verfasse. So treffe ich halt Annahmen.
    Ihre Darstellung der Arbeitswelt entspricht sicher ihrer Erfahrung und unter diesem Blickwinkel sind Lösungsansätze in der Tat schwierig. Meine Erfahrungen in der Schweiz auf Grund der Begleitung von Patienten bei konkreten Arbeitplatzveränderungen und auf Grund meiner Seminartätigkeit bei verschiedenen Firmen in der Führungsausbildung, bietet mir zum Glück auch andere Eindrücke. Sicher ist es aber so, dass das Geld für präventive Massnahmen nicht immer einfach zu mobilisieren ist. Es ist aber erfreulich zu sehen, dass es sehr wohl Arbeitgeber gibt, die den gedanklichen Bogen von Arbeitsplatzmassnahmen im hier und jetzt zum Vermeiden von Fehlzeiten und Arbeitsausfällen in der Zukunft machen können. Die Zahl dieser Arbeitgeber wächst nicht rasend, aber immerhin kontinuierlich.
    Christoph Reich

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